Forschungsbericht_MW-ojemine

Einleitung

Der nachfolgende Forschungsbericht beschäftigt sich mit dem qualitativen Gruppenleitfadeninterview. Im Rahmen des Seminars "Kompetenz 2.0 - E-Portfolios im Einsatz" soll somit eine Evaluation von persönlichen E-Portfolios, besonders mit persönlichen E-Portfolio-Blogs und Profilen, die im Rahmen des Seminars "Elektronische Dokumente" erstellt wurden, vorgenommen werden.

Das Gruppenleitfadeninterview dient, wie im Verlauf noch deutlich wird, vorrangig der Erhebung der subjektiven Meinungen der Seminarteilnehmer. Hierbei sollen die Teilnehmer selbst/persönlich einschätzen, ob ein selbstgesteuertes-konnektives Lernen durch die Nutzung eines E-Portfolios entstanden ist.

Also erstes wird dabei die Sinnhaftigkeit des Instrumentes erläutert. Danach werden wir darauf eingehen, wie in dem Interview die Erwartungen, das Informations-/Wissensmanagement und der Lernerfolg erhoben werden. Es folgen dann wichtige Hinweise, die bei der Durchführung beachtet werden sollten und eine Problemanalyse, wo auf mögliche Schwierigkeiten eingegangen wird. Abschließend geben wir ein kurzes Fazit zu dem Gruppenleitfadeninterview.

Das Gruppenleitfadeninterview und dessen Sinnhaftigkeit

Das Leitfadeninterview ist die gängigste Form qualitativer Befragungen. Durch den Leitfaden und die darin angesprochenen Themen erhält man ein Grundgerüst für die Datenerhebung. Durch das Interview ist es möglich die Hypothesen hinsichtlich der Forschungsfrage im Nachhinein zu bestätigen oder zu verwerfen.

Anhand einer Qualitativen Befragung ermitteln wir subjektive Sichtweisen und Meinungen zum Verlauf des Seminars. Wir bedienen uns dabei einer halbstandardisierten Befragung in Form eines Gruppeninterviews. Die Gruppengröße sollte dabei eine Zahl von 5 Studierenden nicht überschreiten. Zeitlich ist eine Interviewdauer von 30 Minuten einzuhalten. Dabei sollte der Interviewer darauf achten möglichst alle Fragen zu stellen, damit der Umfang der zu bewertenden Variablen eingehalten wird und somit möglichst für jede Frage Antworten notiert werden können.

Der Vorteil dieser Datenerhebung liegt in der Eigendynamik der Gruppe. Das bedeutet, dass der Gesprächsverlauf weniger vom Interviewer, sondern viel stärker vom Interviewten gesteuert wird. Der Interviewer stellt offene Fragen und gibt Impulse bei Antwortenleere seitens der Interviewten oder korrigiert den Verlauf bei abschweifenden Antworten.

Ein weiterer Vorteil ist die entspannte Atmosphäre, in der die Teilnehmer ihr Diskussionspotenzial ausschöpfen können um in einem möglichst präzisen Konsens die Schwer-, Kritik- und Reibungspunkte des vorangegangenen Seminars gemeinsam zu beleuchten.

Im Rahmen unserer Befragung möchten wir unterschiedliche Arten subjektiver Erfahrungen ermitteln:

  • Persönliche Erwartungen an das Seminar
  • Erwerb, Umgang und Stand des Informations- und Wissensmanagement
  • Persönlicher Lernerfolg durch das Seminar

Im Normalfall werden von Qualitativen Befragungen Audio- bzw. Videomitschnitte angefertigt. Da die Befragung jedoch eine ergänzende  bzw. bereichernde Datenerhebung ist und der technische Mitschnitt aufgrund der späteren Transkription einen erhöhten Mehraufwand darstellt haben wir uns entschlossen, lediglich bzw. alleine einen externen Protokollanten einzusetzen. Dieser wird zu Gesprächsbeginn mit vorgestellt und seine Aufgabe ist es die Meinungen möglichst umfassend niederzuschreiben. Der Vorteil des externen Protokollanten besteht darin, dass er keine Erwartungshaltung an die Äußerungen hat und eventuell auch ergänzende Meinungen aufschreibt, die eine bereichsnahe Person aufgrund von eigenem Wissen und Selbstverständlichkeit der Antwort nicht aufgeschrieben hätte.

Wie werden die Erwartungen / das I-/W-Management / der Lernerfolg mit dem Instrument erhoben?

Das halbstrukturierte Leitfadeninterview dient in erster Linie dazu möglichst offene Fragen zu stellen, um die Antwortmöglichkeiten nicht zu stark einzugrenzen. Gezielte Fragen sollen uns helfen, die Kritik- und Schwerpunkte des Seminars zu erörtern. Zudem können wir bei noch offenen Fragen, welche evtl. im Onlinefragebogen unzureichend oder kontrovers beantwortet wurden, gezielt nachhaken.

Die Erwartungen, welche vorher an das Seminar bestanden, lassen sich im Nachhinein nicht direkt erheben, deswegen haben wir keine diesen Schwerpunkt einnehmende Frage formuliert. Es bietet sich dennoch die Möglichkeit den Erfüllungsgrad der Erwartungshaltungen durch die gegebenen Antworten zu ermitteln. Wir empfehlen dem Protokollanten ein vorstrukturiertes Blatt zu geben auf dem die Fragen stehen. Dabei sollte hinter jeder Frage eine extra Spalte für Erwartungen existieren. So kann der Protokollant kontroverse bzw. erfüllte Erwartungshaltungen notieren. Desweiteren sollte man den Gesprächsschluss nicht vernachlässigen. Das formelle Gespräch scheint zwar zu Ende, aber die Interviewten, sagen meist im Nachgang noch Sachen, die sie sich vorher entweder nicht getraut haben zu sagen oder gar befürchtet haben, dass Kritik die Note beeinflussen könnte. Deswegen sollte man darauf achten, was die Interviewten beiläufig zum Schluss erwähnen. Die Aussagen sind nicht von minderer Bedeutung!

Das Informations- und Wissensmanagement wird mit 2 Fragen spezifisch hinterfragt. Zum einen versuchen wir herauszufinden, ob der Wissenserwerb überhaupt stattgefunden hat, sprich ob Sie mit neuen Medien gearbeitet haben, oder das schon lange vorher taten. Und zum zweiten möchten wir von den Seminarteilnehmern wissen, ob sich ihre Arbeitsweise prinzipiell oder in Bezug auf die Medien verändert hat. Ist sie strukturierter geworden und wenn, wodurch ist sie strukturierter geworden?  Oder hat kein Einfluss stattgefunden, und wodurch ist dies bedingt.

Der Lernerfolg kann auch nicht direkt durch eine Frage ermittelt werden. Wir erfragen den Lernerfolg durch die Fragen der Aktivität und der Wahrnehmung zur Bildung von Learning Communities. Und leiten uns somit aus den intervenierenden Variablen ein Meinungsbild zum Lernerfolg ab. Da wir dies versuchen möglichst objektiv zu beurteilen, gehen wir bei sehr hoher Aktivität und hoher Wahrnehmung bei den intervenierenden Variablen vom gesteigerten Lernerfolg aus.

Die Qualität der Antworten ist stark von der Führung des Interviewers abhängig, denn er hat im Gegensatz zum Onlinefragebogen die Chance bei bestimmten Fragen und deren Antworten nachzuhaken. Dies erleichtert zunehmend die Auswertung und ermöglicht ein besseres Verständnis gegenüber zum Onlinefragebogen.

Was ist besonders zu beachten bei der Umsetzung / beim Einsatz des Instruments?

Der Erfolg des Leitfadeninterviews ist sehr stark vom Interviewer abhängig. Der Interviewer sollte erfahren in Bezug auf das Thema und im Umgang mit dem eingesetzten Instrument sein. Ein externer Interviewer, welcher in das Thema erst eingearbeitet werden muss, empfiehlt sich daher nicht.

Der Interviewer muss darauf achten, dass er ein Mittelmaß zwischen direktivem und non direktivem Stil findet. Er muss sozusagen die richtige Balance zwischen "Laufen lassen" und "Eingreifen" finden. Das Interview darf nicht ausschweifen und sich vom erstrebten Ziel bzw. Untersuchungsgegenstand entfernen. Es darf zudem nicht inhaltslos aufgrund fehlender oder schon im Onlinefragebogen gegebener Aussagen werden.

Desweiteren ist zu berücksichtigen, dass der Interviewer eventuell einige Interviewte gezielt ausbremsen muss, damit andere auch zu Wort kommen können. Zudem muss er darauf achten, dass keiner der Interviewten versucht einen anderen durch die Dominanz seiner Person bzw. Aussagen zu beeinflussen. Man möchte doch möglichst unabhängige Aussagen erzielen. Deswegen ist es ebenfalls nötig, dass in der Einleitung klar dargestellt wird, dass das Interview für die Benotung des Seminars keinerlei Rolle spielt. Es dient allein zur Gewinnung der persönlichen Meinung der Kursteilnehmer. Ohne dass dies betont wird, könnten sonst die Antworten an Unabhängigkeit verlieren.

Prinzipiell sollte jedem Interviewten hier auch durch den Interviewer ausdrücklich betont werden, dass das Gruppeninterview vollkommen anonym abläuft, d.h das es keine Namensnennungen und verweise in den Notizen des Protokollanten geben wird. Somit wird eine unabhängige Beantwortung der Interviewten garantiert. Außerdem fühlen sich die Interviewten dadurch sicherer und freier in ihren Antworten.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Einhalten der oben genannten Gruppengröße, denn eine zu große Gruppe kann schnell zu einem „Chaos" führen, wobei es dann der Interviewer sehr schwer haben wird den Überblick zu behalten.

Zudem muss der Interviewer beim freien Generieren von Fragen darauf achten, dass er den Gesprächspartner nicht versehentlich in eine Richtung drängt bzw. durch spontane Emotionsäußerungen verunsichert. Der Interviewer muss neutral sein und hat im Grunde alle Antworten zu akzeptieren.

Problemanalyse (Was könnten für Schwierigkeiten auftreten?)

Trotz Einhaltung der schon im obigen Abschnitt erwähnten Hinweise können durchaus Probleme auftreten.

Das größte Problem kann dabei von der Gruppe und ihrer Gesprächsbereitschaft ausgehen:

Auf der einen Seite kann es geschehen, dass die Gruppenmitglieder nicht gesprächsbereit sind. Ein Grund dafür kann sein, dass die Interviewten befürchten, dass die Antworten aus dem Interview, trotz Klärung in der Einleitung, mit in die Benotung des Seminars einfließen. Zudem könnte es an Gruppendynamik fehlen. Falls somit das Schweigen überwiegt sollte der Interviewer die Gruppe stärker leiten, wie es beispielsweise durch Nachhaken oder vertiefende Fragen möglich wäre. Dabei sollte auf Fragen, wo keinerlei Reaktion erfolgt, nicht zu lange eingegangen werden, da dies als zu drängend angesehen werden kann.

Auf der anderen Seite kann genau das Gegenteil eintreten: Die Gruppenmitglieder reden wild durcheinander. Es stimmt, dass eine sehr gesprächsbereite Gruppe und Diskussionen wünschenswert sind. Aber reden die Interviewten wild durcheinander, wird es einerseits schwer für den Interviewer, aber auch für den Protokollant, die einzelnen Aspekte zu erfassen. Somit können wichtige Informationen einfach in der Masse der "einfallenden" Kommentare untergehen. Hier ist es die Aufgabe des Interviewers die Gruppe zu bremsen und wieder zur Ruhe zu bringen.

Ein weiteres Problem ist das Schriftbild des Protokollanten:

Selbst bei geübten Protokollanten kann es passieren, dass sich das Schriftbild bei erhöhtem Redefluss der Gruppe verschlechtert. In diesem Fall bedarf es einer Nachbearbeitung durch den Protokollanten. Es empfiehlt sich die erhobenen Daten nach der Auswertung zu digitalisieren. Als Lösung sollte hierbei auch eine Transkription in Erwägung gezogen werden.

Kurzes Fazit

Das Leitfadeninterview hat prinzipiell einen subjektiven und summativen Charakter. Somit sollen die Antworten der Interviewten bereichernd zu dem Onlinefragebogen hinzugezogen werden. Bei Einhaltung der wichtigen Punkte können hilfreiche Aspekte gewonnen werden, die für die Weiterentwicklung des Seminars von großer Bedeutung sein können. Auch die Forschungsfrage kann im Zuge des Leitfadeninterviews verstärkt oder abgeschwächt werden.

Letztendlich sind die Ergebnisse stark von der Gruppe der Interviewten abhängig, wobei dabei die Aufgabe des Interviewers ist, die Gruppe zu leiten und für den Untersuchungsgegenstand wichtige Ergebnisse heruaszufiltern.

Quellen

  • Bortz, J./ Döring, N.: Forschungsmethoden und Evaluation für Human- und Sozialwissenschaftler. 4. Auflage, Heidelberg, 2006
  • Bernhardt, T./ Kirchner, M.: E-Learning 2.0 im Einsatz. „Du bist der Autor!" — Vom Nutzer zum Wikiblog-Caster. Ilmenau, 2007
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